Alemania cantat - das Motto
Anlässlich des 80-jährigen Jubiläums der Bregenzer Festspiele wurde für den 1. August 2026 ein außergewöhnliches Projekt ins Leben gerufen. Unter dem historischen Festspiel-Motto „Alemania cantat“ sollte die Seetribüne selbst zum größten Chor des Bodenseeraumes werden. Chöre, Gesangsgruppen und Einzelpersonen aus Österreich, Deutschland, der Schweiz, Italien und Tschechien waren eingeladen, gemeinsam die bekanntesten Opernchöre der Festspielgeschichte zu singen.
Auch der Bregenzer Männerchor sagte seine Teilnahme frühzeitig zu. Nach der Projektpräsentation im November 2025 begann eine intensive Vorbereitungsphase. Die Festspiele stellten Notenmaterial und Übungs-Audios für alle Stimmlagen zur Verfügung, sodass sowohl in den Chorproben als auch zu Hause geübt werden konnte. Das Programm reichte vom Gefangenenchor „Va, pensiero“ aus Nabucco über den Jägerchor aus Der Freischütz, den Ambosschor aus Il trovatore, den Trinkspruch aus La traviata, Ausschnitte aus Carmen und Turandot bis zum eigens für das Jubiläum arrangierten Schlusslied „Happy Birthday“.
Ein erster Höhepunkt war das „Meet & Sing“ am 9. Mai 2026 im Festspielhaus Bregenz. Rund 1.300 Sängerinnen und Sänger erlebten dort erstmals den australischen Dirigenten Steven Moore, dessen humorvolle und energiegeladene Art sofort begeisterte. Mit seiner einfachen Regel „Hau rein!“ nahm er allen die Scheu und vermittelte von Beginn an jene Freude am gemeinsamen Singen, die das gesamte Projekt prägen sollte.
Eine weitere gemeinsame Probe fand am 17. Juni auf dem Bregenzer Hausberg Pfänder statt. In luftiger Höhe wurde unter der Leitung von Festspiel-Intendantin Lilli Paasikivi in entspannter Atmosphäre nochmals an der Literatur gearbeitet. Zwar nahm nur eine kleine, dafür umso engagiertere Gruppe diese Gelegenheit wahr, doch gerade diese ungezwungene Probe trug wesentlich zur Vorfreude auf den großen Festspieltag bei.
Die Sänger des Bregenzer Männerchores absolvierten schließlich unter der Leitung von Bernhard Brändle am 13. Juli ihre letzte gemeinsame Probe zusammen mit einem Teil des Gesangsvereins Bregenz-Vorkloster und des Kammerchores Bregenz, ehe man sich bestens vorbereitet auf den Weg zum Singalong am See machte.
Der 1. August begann mit den letzten Ausläufern eines gewittrigen Regenschauers. Schon bald setzte sich jedoch die Sonne durch, und hohe Quellwolken sorgten für eine eindrucksvolle Kulisse über dem Bodensee. Das Wetter zeigte sich damit von seiner besten Festspielseite.
Bereits beim Betreten der riesigen Seetribüne war die besondere Atmosphäre spürbar. Auf den Rängen, die nahezu 7.000 Mitwirkenden Platz boten, herrschte vom ersten Moment an eine gelöste und freudige Stimmung. Überall wurde gesungen, gelacht und vielleicht letzmalig geprobt. Fremde kamen miteinander ins Gespräch – ganz im Sinne der Idee, Menschen unterschiedlicher Herkunft und Chorerfahrung durch die Musik zu verbinden. Genau dieser Gemeinschaftsgedanke wurde in den Medien als eigentliche Stärke des Jubiläumsprojekts hervorgehoben.
Den musikalischen Auftakt gestaltete ein Ensemble des Symphonieorchesters Vorarlberg, das den Opernchören ein klangvolles und zugleich transparentes Fundament verlieh. Sängerinnen und Sänger aus dem La traviata-Ensemble der aktuellen Festspielproduktion übernahmen die Solopartien und Arien zwischen den Chören und verbanden damit das Jubiläumsprojekt auf eindrucksvolle Weise mit der laufenden Festspielsaison.
Festspiel-Intendantin Lilli Paasikivi begrüßte Mitwirkende und Publikum mit ihrer gewohnt herzlichen und begeisternden Art. Anschließend übernahm Steven Moore die musikalische Leitung – und hatte die gewaltige Chorgemeinschaft sofort auf seiner Seite. Nicht nur sein inzwischen legendäres Motto „Hau rein!“, sondern seine ansteckende Bewegungsfreude, sein Humor und seine souveräne Professionalität machten ihn zum Mittelpunkt des Nachmittags. Mit sparsamen, klaren Gesten und sichtbarer Begeisterung formte er aus tausenden Stimmen einen erstaunlich homogenen Klangkörper. Immer wieder sprang seine Energie auf Sängerinnen, Sänger und Publikum gleichermaßen über.
Die bekannten Opernchöre entfalteten auf der Seebühne eine ganz besondere Wirkung. Beeindruckend war weniger die Perfektion jeder einzelnen Stimme als vielmehr die Klangfülle und die spürbare Freude des gemeinsamen Musizierens. Das Publikum dankte mit lang anhaltendem Applaus und sichtlicher Begeisterung.
Den emotionalen Höhepunkt bildete der gemeinsame Schluss. Mit kräftigen Stimmen erklangen die Worte „Happy Birthday, Festspiele“ weit hinaus über den Bodensee und wurden zu einem würdigen Geburtstagsgruß an acht Jahrzehnte Bregenzer Festspielgeschichte. Als umjubelte Zugabe erklang anschließend noch einmal Verdis „Va, pensiero“ – für viele die heimliche Nationalhymne Italiens und zugleich jener Chor, der das Publikum bereits zuvor besonders berührt hatte.
Für die Mitglieder des Bregenzer Männerchores war die Teilnahme an diesem Jubiläumsprojekt ein unvergessliches Erlebnis. Die lange Vorbereitung - in unterschiedlicher Intensität - und schließlich das Singen auf einer der berühmtesten Seebühnen Europas machten den Singalong am See zu einem Höhepunkt des Chorjahres 2026. Das Projekt zeigte eindrucksvoll, dass Musik Menschen verbindet – über Chorgrenzen, Generationen und Länder hinweg – und wird allen Beteiligten noch lange in bester Erinnerung bleiben.
[GBz]
































